Wissenschaft entdeckt den Waldgartenanbau (Permakultur)

Gepostet am Aktualisiert am

Milchkühe unter Obstbäumen
Milchkühe unter Obstbäumen

Auf dem TV-Sender arte lief dieser Tage im Format „X:enius“ eine halbstündige Reportage zum Thema Waldgärten; es lief unter dem Titel: „Agroforst – Bäume zurück aufs Feld?“. Ich bin ganz aus dem Häuschen vor Freude, dass diese meines Erachtens vielversprechende, wichtige landwirtschaftliche Alternative — die so neu ja gar nicht ist! — zumindest in dieser Niesche anerkannt wird und auch ob der wissenschaftlichen Bestätigung der empirischen Erkenntnisse von Menschen, welche diese Methode weltweit seit Jahrzehnten erfolgreich erproben. So wird unter anderem erkannt, welche schwerwiegenden und weit reichenden Folgen die Flurbereinigung hatte.

Kerngedanke

Im Kern geht es darum, dass 3-dimensional gedacht und Pflanzen kombiniert werden (Mischkultur oder gar Reihenmischkultur), die sich gegenseitig unterstützen. Manche beziehen zusätzlich auch noch landwirtschaftliche Tiere mit ein, die den Boden beackern, sich davon selbstständig ernähren und ihn gleichzeitig düngen. Diese Denken bezieht nicht nur das überirdisch Sichtbare ein, sondern insbesondere das Wurzelreich. Der Ansatz der Waldgärtnerei steht stark im Gegensatz zum (vermeintlich!) alternativlosen Monokultur-Anbau, der trotz all seiner negativen Folgen sehr verbreitet ist. Die Folgen der Monokultur, allen voran das Auslaugen der Böden und deren Erosion (Versteppung), enormer Düngemitteleinsatz und dadurch Vergiftung von Boden- und Trinkwasser, sollen mit der Agroforstwirtschaft vermieden werden bei mindestens gleichbleibendem Ertrag.

Ertragszuwachs durch Mischkultur

Darüber hinaus, so wird in der Sendung berichtet, sind sogar Ertragszuwächse gemessen worden. In der Monokultur, so sagt ja der Name, wird auf derselben Anbaufläche nur eine einzige Sorte angebaut. Hierbei wurden nun mehrere Pflanzensorten gleichzeitig auf der selben Fläche angebaut und beobachtet. Dies allein bedeutet also schon einmal eine Platzeinsparung; näherungsweise wird bei 3 Pflanzensorten etwa nur ein Drittel Anbaufläche benötigt. Bäume im Acker, so fanden Forscher um Christian Dupraz (Montpellier) heraus, steigern den Ertrag um bis zu ein Fünftel. Dort werden schnell wachsende Pappeln und Raps kombiniert (warum es unbedingt schnell wachsende Bäume sein müssen ist da noch eine andere Frage). Und dies trotz Einsatz von schweren Erntemaschinen, die meines Erachtens — unabhängig von der Anbaumethode — zusätzlich fraglich sind, weil sie den Boden stark verdichten.

In Deutschland gibt es Versuche bei Freiburg, im Brandenburgischen oder auch von Sepp Braun in Freising. Eine paar spannende Erkenntnisse aus der genannten Sendung:

  • Wertgehölze wachsen bis zu 1cm pro Jahr in die Breite (Beispiel: Kirsche, Walnuss, Elsbeere bei Freiburg), ein Breitenwachstum, was sonst nur aus tropischen Gegenden bekannt ist. Können zusätzlich mit schnell wachsenden Pappeln zur Energiegewinnung kombiniert werden
  • Bäume wurzeln viel tiefer (in Kokurrenz zu Feldfrüchten), selbst wochenlange Trockenheit
  • stärkerer Höhenwuchs schützt vor Erosion
  • Kohlendioxid (CO²) wird deutlich besser und länger gebunden (werden erst bei Energiegewinnung aus diesem Holz freigesetzt)
  • Wurzeln beleben den Boden, reichern Humus an und lassen signifikant weniger Nitrat ins Grundwasser (das Nitratproblem entsteht ja eh nur in Monokultur bzw. Intensivwirtschaft)
  • Möglichkeiten zur Bio-Energiegewinnung ergeben sich (Freisinger Sepp Braun lebt dadurch vollständig Heizenergie- und Stromautark)
  • natürlich ergeben sich auch übliche forstwirtschaftliche Möglichkeiten (u.a. Möbelholz)
Waldgartenprinzip
Waldgartenprinzip

Persönliche Gedanken

Ein paar persönliche Gedanken, die in der Sendung keine Erwähnung fanden, die mir aber wahrscheinlich und wichtig erscheinen:

  • Durch größere, tiefer wurzelnde Pflanzen können vermutlich Nährstoffe und Wasser aus tieferen Erdschichten hoch geholt und zugänglich gemacht werden. Feuchtigkeit wird über die Blätter ausgedunstet und den flacher wurzelnden Pflanzen in der Lebensgemeinschaft verfügbar gemacht.
  • Ähnliches sollte mit Nährstoffen über den Umweg der Blätter und verrottendem Geäst passieren. Eine (u.a. vor Verdunstung schützenden) natürlichen Mulchschicht bildet sich und die Humusschicht sollte auf natürliche Weise angereichert werden.
  • Die Schattengare (Verrotten von Pflanzenrückständen, Verfügbarmachen von Nährstoffen) wird vorangetrieben durch eben diese Mulchdecke und dadurch, dass die Sonne nicht unentwegt direkt auf den Boden brennt. Der Verdunstung wird auch hierdurch vermindert (Boden heizt sich nicht so stark auf).
  • Der Schatten kommt auch bei gleichzeitiger Tierhaltung der Tiergesundheit und damit auch der Qualität von Fleisch zugute.
  • Nützlinge bekommen wieder einen Lebensraum und können der natürliche „Schädlingsbekämpfung“ nachgehen.
  • Dem Auslaugen des Bodens wird auch durch das reiche Wurzelgeflecht entgegen gewirkt, weil die ausgeschwemmten Nährstoffe gar nicht bis ins Grundwasser gelangen.
  • Durch die Konkurrenzsituation werden die Bäume zu tierferem Wurzeln angeregt, wodurch sie besser im Boden verankert sind. Bei prognostiziert zunehmenden Stürmen (klimawandel bedingt) ist das sicher hilfreich.
  • Nicht zuletzt hat es auch eine (fahrrad-)touristische Dimension: Natürlich ist es viel angenehmer und belebender statt durch Weiten von Monokultur(Mais)feldern zu radeln sich am satten Grün von Waldlandwirtschaft zu laben.

Nachteile, im Beitrag ebenfalls nicht angesprochen

Dort sehe ich v.a. den Bildungsbedarf bei bisherigen Landwirten, denn dies würde nicht nur ein großes Maß an Naturverständnis bedingen, sondern zusätzlich zur üblichen Landwirtschaft auch forstwirtschaftliche Aspekte mit einbeziehen. Wirtschaftlich ist auch zu beachten, dass die Bäume erst ab einem gewissen Alter Ertrag bringen. Dadurch können in den ersten Jahren durchaus Verluste pro Hektar gesehen auftreten und somit muss länger investiert werden.

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Ein Kommentar zu „Wissenschaft entdeckt den Waldgartenanbau (Permakultur)

    raka75ewr sagte:
    28. März 2014 um 18:44

    Aus den genannten Quellen geht leider nicht hervor, an welcher Stelle Waldgärten und wann heutige, maschinell bearbeitbare Agroforstsysteme gemeint sind. Letztere werden auch in unserem Bundesland schon seit mehreren Jahren propagiert, u.a. von Prof Heck vom Institut für angewandtes Stoffmanagement (http://www.stoffstrom.org/) im Rahmen des Bioenergiedorf-Coachings. Sie unterscheiden sich z.T. erheblich von typischen Waldgärten. Eine schöne Informationsquelle zu dem Thema gibt es auch unter http://www.agroforst.de/ .

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