Neben uns die Sintflut: Leseempfehlung, wenn man der Realität nicht ausweichen will

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Folgendes knüpft fast nahtlos an meinen fast 2 Jahre alten Beitrag an: Der Soziologe Stephan Lessenich beschreibt in seinem Buch Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, was alles in dem „normalen“ (sprich üblichen) Preisen drinstecken müsste und nimmt dabei erfreulicherweise kein Blatt vor den Mund. Solange das aber nicht der Fall ist, solange wir das alles externalisieren, zahlen wir trotzdem dafür: Beispielsweise durch unsere Steuern, durch Krankenkassenbeiträge und andere Sozialabgaben — und mit einem zunehmend kaputten Ökosystem. Manche Folgen von Ausbeutung (von Planet, Tieren oder Menschen) allerdings wird sich nie in Geld umrechnen lassen (Min. 5).

Schau’n wir uns doch stellvertretend mal die Produktionskette eines üblichen Schnitzels an (aus dem Gedächtnis und ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Wo das Schnitzel überall rumgefahren ist, was dessen Trägertier alles im (sehr kurzen) Leben verstoffwechselt hat (z.B. zu Methan, falls Kalbsschnitzel), welche Folgen monokulturelle Massenmast nach sich zieht (drastische Reduktion von Artenvielfalt durch Ertragssortenzüchtung, separate Jungtieraufzucht, multiresistente Keime, Trinkwasserverunreinigung durch Hormone, Gülle -> Nitrite, Antibiotika deren Produktion), zu welch Bodenversiegelung die Produktionsstätte beigetragen hat (außerdem: soziale Abbaubedingungen der billigen Rohstoffe für Baustoffe, Energieaufwand Entlüftungsanlagen), zu welch Artensterben dessen Futter- oder Einstreuprodution beigetragen hat (Massentierhaltung, Massenheu- u. Strohproduktion, Humusabbau, Abbau bzw. Trockenlegung von Mooren), wo dessen Mastfutter hergekommen ist (Sojaproduktion in Übersee, die wiederum Demokratien gefährdet, Regenwaldrodung, Pestizideinsatz, Grundwasserverschmutzung, Landkonflikte und -enteignung, Trinkwasserverunreinigung, Transportfolgeschäden auf Umwelt und Arbeitende in Häfen, an Bord, Verpackungsmaterial, Anwendung von Hybrid- und/oder Gensorten, Abhägigkeiten von Saatgut- und Pestizidkonzernen) und welche Überproduktion das Schnitzel miterzeugt und wie es dadurch zu Fluchtursachen beiträgt (billiger Milchpulver- oder Formfleischexport nach z.B. Afrika macht dort lokale Märkte kaputt und entzieht so die Lebensgrundlage vieler Kleingewerbe). Am Rande: Würdest Du nur jedes zweite Deiner Schnitzel essen, sind’s gleich nur halb so viele Folgeschäden. Und nein: Es geht hier nicht ums Fleisch per se; das kann man analog auch mit Bio-Gemüseaufstrich aus’m Supermarkt, late-machiatto-in-Pappe-to-go, der neuen T-Shirt-Garnitur oder der billigeren Versicherungspolice durchspielen. Es geht um die gewinnorientierte Verwertungslogik und die Verankerung in unser aller Alltag durch „billig einkaufen“ (müssen?!? -> „Externalisierungshabitus„). Eigentlich wissen wir das ja schon selbst. Nur warum ändern wir dann nicht’s substantiell? Stephan Lessenich erklärt das in einem Interview (Video ab Min. 26, auch Min 35): Weil wir unser aktuelles Verhalten selbst als angemessen empfinden. Wir hinterfragen vorrangig das Verhalten der anderen, statt an der einzigen Stelle anzufangen, die wir beeinflussen können: Bei uns selbst. M.E. ist der „billige Konsum“ die Schraube, an der Du, ich, wir alle drehen können. Unterstützen wir uns gegenseitig beim Auffangen der Konsequenzen, solange wir noch keine neue Routine gefunden haben mit den starken „Einschnitten“[1], ohne die es nämlich nicht gehen wird!

Ich hoffe bei all diesen erschlagenden Informationen, dass wir als Weltgesellschaft doch noch „den Dreh“ bekommen, auch wenn mächtige Menschen absurderweise massiv gegensteuern. Ich hoffe auf konstruktive Lösungen und ein Miteinander. Klein anfangen hilft bekanntlich. Wie wär’s denn z.B. mit naturbelassenem, handwerklichem, gezeitigtem Brot aus hiesigem, samenfestem, vielfältigem Getreide, solidarisch erwirtschaftet, ressourcensparend in liebevoller Handarbeit hergestellt und fahradlich transportiert? Sagt mal: Gibt es da nicht diesen grandiosen Backverein? Wie heißt der noch? Naföba? Richtig, ich glaub, die haben’s verstanden, die wollen’s anders machen. Übrigens, auf der Rostocker Vernetzungsplattform Stadtgestalten gibt’s noch einige andere Alternativen, z.B.: @bunte-hoefe, @beisswat, @lastenrad, …

P.S. Das Buch ist derzeit in der Rostocker Stadtbibliothek leider grad entliehen.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich das Buch selbst (noch) nicht gelesen habe. Meine Informationen habe ich aus einer ganzen Reihe anderer Quellen über die Jahre, hier im speziellen aber aus einer 1-std. Radiosendung des gebührenfinanzierten WDR 5 habe. Die lief schon vor ’nem guten Jahr am 23.9.16. Wegen des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist deren Mehrwert aber leider „verloren“ gegangen. Es gibt von und mit Stephan Lessenich aber noch reichlich andere Quellen.

[1] Ich denke die „Einschnitte“ ja eher als Entfesselung, aber das wird man aus der bisherigen Gewohnheit heraus nicht gleich nachvollziehen können.

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